Vortrag zum Welt-AIDS-Tag

Ernst Häußinger beeindruckte mit seiner „HIV-Lebensgeschichte“

Am 1. Dezember findet der nächste Welt-AIDS-Tag statt. Im Vorgriff dazu wurde an der Beruflichen Oberschule Cham (FOSBOS) in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt und dem HIV- und AIDS-Betroffenen Ernst Häußinger im Rahmen einer Lesung für das wichtige Thema sensibilisiert.

Eine HIV-Infektion ist inzwischen recht gut behandelbar, bei frühzeitiger Diagnose und wirksamer Therapie kommt es nicht zum Ausbruch. „Doch HIV und AIDS sind immer noch aktuell“, so Wolfgang Rießelmann vom Gesundheitsamt Cham, „wenngleich leider nicht mehr so in den Medien, dafür aber in der ganzen Welt“. Denn das HI-Virus ist noch längst nicht besiegt, rund 40 Prozent der Betroffenen weltweit haben nach wie vor keinen Zugang zu den lebensnotwendigen Medikamenten. Rund 37 Millionen Menschen leben auf dem Globus mit HIV, gerade in Ost- und Südafrika, Ost-Europa und Zentralasien ist die Zahl der Neuinfektionen deutlich gestiegen. In Deutschland dürften derzeit rund 90000 Menschen mit HIV leben, etwa 11000 haben nicht einmal Kenntnis von ihrer Infektion. Dank moderner Medikamente haben die meisten HIV-Infizierten eine fast normale Lebenserwartung, können in jedem Beruf arbeiten und ihre Freizeit gestalten wie andere auch. Wird HIV rechtzeitig festgestellt und behandelt, ist eine AIDS-Erkrankung vermeidbar.

Leider würden aber immer noch viele Betroffene Ausgrenzung und Stigmatisierung erfahren. Entsprechend soll der jährliche Welt-AIDS-Tag zu einem Miteinander ohne Vorurteile und Ausgrenzung beitragen. Wolfgang Rießelmann vom Gesundheitsamt dankte der Schule für die freundliche Aufnahme und die Möglichkeit, die Solidarität mit HIV- und AIDS-Betroffenen zu fördern und Diskriminierung entgegenzuwirken. Ausgrenzung würde es nach wie vor sogar da geben, wo eigentlich am ehesten eine professionelle Haltung selbstverständlich sein sollte, nämlich im Gesundheitssystem. Ursachen für Diskriminierung sind sehr oft Vorurteile, Unwissen oder unbegründete Ängste vor Ansteckung. Deshalb sei es weiterhin sehr wichtig, über HIV zu informieren, darüber zu reden, das eigene Handeln und Sprechen zu überdenken und Menschen mit HIV respektvoll zu begegnen.

Nach der Lesung hatten im zweiten Teil der Veranstaltung die FOSBOSler die Möglichkeit, ihre Fragen an Ernst Häußinger auf Postkarten zu schreiben, die Wolfgang Rießelmann wieder einsammelte und anschließend vorlas. Auf diese Weise erfuhren die Zuhörer beispielsweise, wie sich die Ansteckung mit dem Virus bei Häußinger bemerkbar machte. Dessen schlimmste Erfahrung in den inzwischen 34 Jahren als HIV-Infizierter? Als sich 1987 das Theater Ensemble zehn Tage vor der Uraufführung weigerte, mit ihm die Premiere zu spielen. „Darunter waren richtige Freunde“, so Häußinger, „und ich stand von heute auf morgen arbeitslos auf der Straße“. Die Frage nach den Übertragungswegen beantwortete Wolfgang Rießelmann sehr ausführlich und teilte dazu am Ende auch weiteres Informationsmaterial an die Schüler aus. In diesem Zusammenhang wies er auch darauf hin, dass die Gesundheitsämter einen kostenlosen und anonymen HIV-Test anbieten.

34 Jahre, eine lange und mühsame Wegstrecke für mich

Schauspieler Ernst Häußinger wurde 1985 gegen seinen Willen auf HIV positiv getestet. Nach „diesem Akt der Willkür bzw. Entmündigung“ ist er stundenlang plan- und ziellos durch die Straßen gelaufen, „ich wusste nicht mehr wohin“. Sein damaliger Lebenspartner, der später an Parkinson verstorben ist, hat ihm mit dem Gedicht „Für Ernst“ geholfen, die HIV-Infektion zu verarbeiten und wieder Boden unter den Füßen zu finden. Mit weiteren Beispielen, von Häußinger oder anderen HIV-Betroffenen zu Papier gebracht, bekam die FOSBOS-Schülerschaft tiefe Einblicke in das Seelenleben. Vieles ging dabei verloren, „von vielem musste ich mich - mussten wir uns - verabschieden“. Eine Wegstrecke voller Bedrohung, voller Schrecken, voller schmerzhafter Verluste und voll von Trauer.

Häußinger erinnerte an den ersten Gesprächskreis mit anderen Infizierten, „bis dahin hatte ich mich noch versteckt, von da an war ich nicht mehr alleine“. Häußinger hat viele AIDS-Todkranke auf dem letzten schmerzvollen Weg begleitet und immer wieder gehört. „Ich mag nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“. Auch Häußinger selbst ging es kaum besser, er dachte sogar an Suizid. „Ich habe als Todgeweihter überlebt“, so Häußinger. Ein Überleben, danach auch gefüllt von menschlicher Nähe und Intensität, von Freude und Heiterkeit, voller gemeinsamer Erlebnisse und kreativer sowie politischer Aktionen. Denn Häußinger hat den Schritt in die AIDS-Hilfe gewagt, das Gemeinschaftsgefühl half Ängste zu nehmen und das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. „Wir sind mutig. Wir bleiben mutig. Wir werden anderen Mut machen“. Diese Botschaft wurde 1988 beim 2. Europäischen Positivtreffen in München in zwölf Sprachen auf dem Marienplatz öffentlich skandiert, gleichermaßen als trotziger Schlachtruf und sich selbst stärkenden Mantra.

Ende der 1980er Jahre erreichte die Aidskrise einen Höhepunkt. Diffamierungen waren an der Tagesordnung, auch über die Medien, etwa mit Schlagzeilen wie „Schwulenpest“ oder „Virusbomben“. Wie Aussätzige seien sie von der Außenwelt behandelt worden, so die Erinnerungen des Zeitzeugen Häußinger. Zwar gab es erste Medikamente, aber noch mit gravierenden Nebenwirkungen. 1996 gelang der revolutionäre, medizinische Durchbruch mit der Entwicklung neuer Wirkstoffe und der Erkenntnis, dass nur durch Kombination mehrerer Substanzen das Virus in
Schach gehalten und eine Resistenzentwicklung verhindert werden kann. Todkranke Patienten haben dadurch wieder Perspektiven gewinnen können, Zukunftsplanung war wieder möglich. AIDS ist immer noch unheilbar und durch die regelmäßige, lebenslange Medikamenteneinnahme kommt es nicht selten zu schweren Nebenwirkungen. Fettumverteilungsstörungen sorgen für verändertes Aussehen, stigmatisieren Betroffene. „Durch diese neuen Therapiemöglichkeiten und Heilungserfolge ist das Thema AIDS noch stärker aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden“, sagte Häußinger, und allgemeine Sparzwänge würden dazu führen, dass die Unterstützung weiter nachlasse. Die Schreckensszenarien, welche vor 25 Jahren geradezu Panik hervorriefen, sind zumindest in Deutschland nicht eingetroffen, das frühe, schnelle Sterben, der Kahlschlag, hat zumindest in westlichen Ländern aufgehört.

AIDS hat ein neues Gesicht bekommen

An das junge Publikum in der FOSBOS-Aula richtete Ernst Häußinger einen wichtigen Appell: „Die trügerische Sicherheit, der scheinbare Sieg über das Virus, weckt neue Hoffnungen und verleitet sogar zu sorglosem und ungeschütztem Geschlechtsverkehr“. Entsprechend seien neue Leichtsinnigkeit und steigende Infektionszahlen vor allem bei jungen Menschen zu beobachten. In Afrika raffe es ganze Generationen hinweg. Deshalb dürfe man weiterhin die Situation und die Interessen der HIV-Infizierten und der AIDS-Kranken nicht aus den Augen verlieren: „Wir müssen uns einer kritischen Auseinandersetzung dem Thema AIDS gegenüber weiterhin öffnen und stellen, zur Hilfe und zum Schutz, aber auch zur Warnung an die jungen Menschen und künftigen Generationen“.

Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember

Die Aktionen wenden sich gegen Ausgrenzung von Menschen mit HIV, denn Ausgrenzung und ständiges Verstecken aus Angst vor Ablehnung oder Mobbing machen krank. Deshalb sollen Solidarität gefördert und Mut gemacht werden.  Den Mut, aufeinander zuzugehen, über Ängste zu sprechen und mögliche Vorurteile aus dem eigenen Kopf zu streichen. Das Motto 2019 lautet: „Du hast HIV? Damit komme ich nicht klar. Streich die Vorurteile“. Weitere Informationen zu HIV/AIDS unter www.liebesleben.de

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